Was künstliche Süßstoffe wirklich in deinem Körper machen

Sie stecken im Joghurt, im Proteinriegel, im Kaugummi, in der Zahnpasta, in der Diät-Cola, im Energy-Drink, in der Vitaminpille. Künstliche Süßstoffe sind so tief in unser Ernährungssystem eingebettet, dass viele Menschen sie täglich konsumieren ohne es zu merken. Und sie gelten als harmlos, als die smarte Alternative zu Zucker. Als Lösung für Übergewicht und Diabetes. So jedenfalls die Botschaft, die seit Jahrzehnten von Lebensmittelindustrie, Ernährungsgesellschaften und Diabetikerverbänden verbreitet wird. Aber was sagt die Wissenschaft wirklich und warum weicht sie zunehmend von dieser Botschaft ab?

Was künstliche Süßstoffe sind

Künstliche Süßstoffe sind synthetisch hergestellte Verbindungen die Süßrezeptoren aktivieren, ohne Kalorien zu liefern. Die drei meistkonsumierten sind Sucralose, Aspartam und Acesulfam-K. Sie wurden nicht entwickelt weil jemand eine gesündere Alternative zu Zucker gesucht hätte. Alle drei wurden durch Laborunfälle entdeckt: Saccharin 1879, Aspartam 1965, Sucralose 1976, jedes Mal weil ein Forscher unbeabsichtigt etwas kostete und Süße feststellte. Der Verkaufsargument war von Anfang an dasselbe: Süßes ohne Konsequenzen. Kein Blutzucker, kein Insulin, keine Kalorien. Und deshalb Gewichtsverlust, bessere Blutzuckerkontrolle, weniger Diabetes. Das klingt gut. Das Problem liegt in einer Annahme die über Jahrzehnte nicht hinterfragt wurde: dass der menschliche Körper auf Süßgeschmack nur mit Genuss reagiert und sonst nichts passiert. Diese Annahme ist falsch.

Der Körper wurde für eine andere Welt gebaut

Der menschliche Körper hat Süßrezeptoren nicht entwickelt um Genuss zu ermöglichen, sondern um Energie zu erkennen. Süß bedeutet für jedes Säugetier seit Millionen Jahren dasselbe: Hier sind Kohlenhydrate. Hier ist Glukose. Energie kommt. Bereite dich vor. Was kaum bekannt ist: Diese Rezeptoren sitzen nicht nur auf der Zunge. Sie sind nachgewiesen in der gesamten Dünndarmschleimhaut, in den Betazellen der Bauchspeicheldrüse, im Hypothalamus, in Fettgewebe, Lunge, Netzhaut und Spermien. [1] Das T1R2/T1R3-Rezeptorsystem ist ein körperweites Signalnetzwerk, kein lokales Geschmacksorgan. Wenn ein künstlicher Süßstoff dieses Netzwerk aktiviert, passiert etwas das die Industrie jahrzehntelang ignoriert hat: Der gesamte Körper bereitet sich auf Energie vor, die nie kommt.

Sucralose

Sucralose ist heute die am häufigsten verwendete künstliche Süßung in verarbeiteten Lebensmitteln. Sie entsteht durch chemische Modifikation von Haushaltszucker: Drei Hydroxylgruppen werden durch Chloratome ersetzt. Das Ergebnis ist ein Molekül, das chemisch nicht mehr als Zucker erkannt wird und deshalb keine Kalorien liefert.

Gleichzeitig bindet es so stark an Süßrezeptoren, dass es 600-mal süßer ist als normaler Zucker. Für die gleiche Süßkraft von Zucker wird also 600-mal weniger Substanz benötigt. Die starke Bindungsaffinität bedeutet aber auch, dass Sucralose stabiler bindet und sich langsamer vom Rezeptor löst als Zucker, der Rezeptor wird länger aktiviert gehalten. Das kann über Zeit zur sogenannten Rezeptordesensibilisierung führen: Der Körper schützt sich vor Überstimulation, indem er Rezeptoren von der Zelloberfläche zieht. Langfristig braucht man mehr Süße um denselben Effekt zu erzielen. Natürliche Süße aus Früchten reicht nicht mehr. [2] Zweitens bedeutet die extreme Süßkraft, dass bereits Spuren von Sucralose das gesamte Signalsystem aktivieren, auch in der Muttermilch.

Was im Körper passiert

Die zephale Insulinphase. Noch bevor ein Schluck verdaut ist, schickt das Gehirn bei Süßgeschmack ein Signal an die Bauchspeicheldrüse: Insulin ausschütten. Das nennt sich Cephalic Phase Insulin Response, kurz CPIR. Bei echtem Zucker funktioniert das perfekt: Insulin wird ausgeschüttet, Zucker kommt, wird verwertet. Bei Sucralose wird Insulin ausgeschüttet, aber dann kommt kein Zucker. Der Blutzucker kann leicht unter den Ausgangswert fallen. Das Gehirn reagiert mit Heißhunger. [3] Wie stark diese Reaktion ausfällt, ist individuell sehr verschieden. Studien zeigen sie vor allem bei einem Teil der Probanden: besonders bei Menschen mit Übergewicht und bestehender Insulinresistenz. Bei schlanken, insulinsensitiven Menschen ist sie oft nicht messbar. Das erklärt die widersprüchlichen Studienergebnisse zu diesem Thema.

Die Kombination mit Kohlenhydraten. Das ist der kritischste und am wenigsten bekannte Mechanismus. Eine 2020 in der Fachzeitschrift Cell Metabolism publizierte Studie der Yale University zeigte: Sucralose allein, also in schwarzem Kaffee oder purem Wasser ohne Mahlzeit, zeigte bei gesunden Erwachsenen keinen messbaren negativen Effekt auf den Stoffwechsel. [4] Aber: Sucralose kombiniert mit Kohlenhydraten, also Sucralose zusammen mit Brot, Nudeln, Müsli, oder einem Proteinriegel der auch Stärke enthält, verschlechterte die Insulinsensitivität messbar. Bereits nach sieben Portionen in zwei Wochen. Das entspricht weniger als einem Glas täglich. Der Mechanismus: Sucralose aktiviert im Darm SGLT-1-Transporter, also Pumpen die Glukose durch die Darmwand ins Blut schleusen. Wenn dann gleichzeitig Kohlenhydrate verdaut werden, wird mehr Glukose absorbiert als normal. Der Blutzuckeranstieg ist höher. Die Insulinreaktion stärker. Und das passiert bei jeder normalen Mahlzeit mit einem Diätgetränk daneben. In der Jugendlichen-Gruppe dieser Studie wurden die Ergebnisse so besorgniserregend, dass der Ethikausschuss der Universität den Studienabbruch empfahl. [4]

Das Mikrobiom. Sucralose verändert die Zusammensetzung der Darmbakterienpopulation. Besonders betroffen sind butyratproduzierende Bakterien, also Bakterien die Butyrat produzieren. Eine kurzkettige Fettsäure die die Darmschleimhaut ernährt, Entzündungen dämpft, die Insulinsensitivität verbessert und Sättigungshormone stimuliert. Weniger Butyrat bedeutet eine geschwächte Darmbarriere, mehr systemische Entzündung, und eine schlechtere Regulation von Hunger und Sättigung. [5] Dieser Effekt entsteht unabhängig davon womit Sucralose kombiniert wird, weil Sucralose direkt im Darm wirkt.

Das Hungerzentrum. Eine 2025 in Nature Metabolism publizierte Studie der University of Southern California untersuchte mit bildgebenden Verfahren (fMRT und fMRI) was im Gehirn passiert wenn Menschen Sucralose trinken. Das Ergebnis: Verglichen mit echtem Zucker zeigte Sucralose eine stärkere Aktivierung des Hypothalamus (der Bereich der Hunger und Sättigung reguliert) und erhöhte das Hungergefühl messbar. [6] Frauen zeigten stärkere Reaktionen als Männer. Bei Menschen mit Übergewicht war der Effekt ausgeprägter als bei Normalgewichtigen.

Was aus Sucralose im Körper wird. Die ursprüngliche Zulassungsgrundlage sagte: Sucralose wird kaum absorbiert und unverändert ausgeschieden. Die Zulassungsstudien des Herstellers zeigen: Etwa 85% erscheinen im Stuhl, 15% im Urin also wurden absorbiert. Sucralose ist im Blutplasma messbar. [7]

Im Darm entsteht aus Sucralose ein Stoffwechselprodukt namens Sucralose-6-Acetat. Es ist fettlöslicher als Sucralose selbst und kann sich in Gewebe ansammeln. Eine 2023 publizierte Studie von Susan Schiffman von der NC State University zeigte, dass Sucralose-6-Acetat DNA-Strangbrüche in menschlichen Zellen verursacht. [8] Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA hat einen Sicherheitsschwellenwert für DNA-schädigende Substanzen von 0,15 Mikrogramm pro Person pro Tag. Die Berechnungen der Studie legen nahe, dass einzelne Portionen sucralosehaltiger Getränke diesen Schwellenwert überschreiten könnten. Wichtig: Die EFSA hat diese Evidenz 2026 selbst bewertet und kein unmittelbares Sicherheitsproblem bei normalen Verzehrmengen festgestellt. Was eindeutig fehlt, sind Langzeitstudien beim Menschen die diese Frage abschließend klären.

Wenn Sucralose erhitzt wird, entstehen zusätzliche Abbauprodukte. Darunter chlorierte organische Verbindungen. Sucralose wird explizit als hitzebeständig vermarktet und deshalb massenhaft in Backmischungen, Proteinriegeln und heißen Getränken eingesetzt. Hitzestabil bedeutet: die Süße bleibt erhalten. Es bedeutet nicht: es entstehen keine Abbauprodukte. [9]

Aspartam

Aspartam wurde 1965 durch einen Laborunfall entdeckt. Es besteht aus zwei natürlichen Aminosäuren, Phenylalanin und Asparaginsäure plus Methanol, und ist 200-mal süßer als Zucker. Im Darm wird es sofort in seine Bestandteile aufgespalten. Das Methanol wird zu Formaldehyd oxidiert. Das klingt beunruhigend, ist aber bei normalen Verzehrmengen weniger dramatisch als es klingt: Ein Glas Tomatensaft liefert mehr Methanol als eine Dose Aspartam-Getränk. Der Körper entgiftet diese Mengen mit etablierten Enzymsystemen.

Was mehr Aufmerksamkeit verdient: Phenylalanin konkurriert mit Tryptophan, dem Vorläufer von Serotonin, um denselben Transportweg über die Blut-Hirn-Schranke. Bei sehr hohem Aspartam-Konsum kann das den Serotoninhaushalt beeinflussen. Die Forschung dazu ist nicht abgeschlossen. Für Menschen mit Phenylketonurie (PKU, einer angeborenen Stoffwechselstörung bei der Phenylalanin nicht abgebaut werden kann) ist Aspartam real gefährlich. Das betrifft etwa eine von zehntausend Personen. Deshalb steht auf jedem Produkt der Pflichthinweis: „enthält eine Phenylalaninquelle". Eine Substanz, die für eine Bevölkerungsgruppe gefährlich ist, ohne dass die meisten Konsumenten wissen was PKU ist, sagt etwas aus über das Informationsniveau rund um Lebensmittelzusatzstoffe.

2023 stufte die IARC (die Krebsforschungsagentur der WHO) Aspartam als Gruppe 2B ein: möglicherweise krebserregend. Gleichzeitig bestätigte das JECFA-Komitee den alten Sicherheitswert. Was klingt wie ein Widerspruch, ist methodisch erklärbar: Die IARC bewertet ob ein Mechanismus biologisch plausibel ist. Das JECFA bewertet ob normaler Konsum riskant ist. Beide können gleichzeitig recht haben. Die Humanevidenz für einen Krebszusammenhang ist schwach – drei epidemiologische Beobachtungsstudien zu Leberkrebs, mit denselben methodischen Schwächen wie die Fleischstudien: Confounding, kein Kausalnachweis. Die Einstufung ist ein kein Beweis, aber eine Wahnung

Warum die Effekte von Mensch zu Mensch so verschiedenen sind

Hier liegt der Grund für die widersprüchlichen Studienergebnisse und für die häufig gehörte Aussage: „Ich trinke seit Jahren Diät-Cola und habe keine Probleme." Mehrere Faktoren bestimmen wie stark die Mechanismen bei einer Person ausgeprägt sind.

Insulinsensitivität und Körpergewicht. Menschen mit Insulinresistenz (also einem bereits gestörten Insulinstoffwechsel, häufig bei Übergewicht), zeigen eine stärkere zephale Insulinreaktion auf Süßstoffe. Das Pankreas kompensiert die schlechte Insulinwirkung durch mehr Vorabinsulin, und reagiert entsprechend stärker auf Süßsignale. Die Ironie: Genau die Menschen die Süßstoffe zur Gewichtsreduktion einsetzen, reagieren biologisch am stärksten auf deren Nachteile.

Geschlecht. Frauen zeigen in Studien stärkere Gehirnreaktionen auf Sucralose als Männer: stärkere Hypothalamusaktivierung, stärkeres Hungersignal. [6] Warum das so ist, ist noch nicht vollständig verstanden.

Mikrobiomzusammensetzung. Das Darmmikrobiom jedes Menschen ist einzigartig. Wer viele butyratproduzierende Bakterien hat, hat eine bessere Pufferkapazität gegen die Dysbiose durch Süßstoffe. Wer bereits ein durch westliche Ernährung vorgeschädigtes Mikrobiom hat, reagiert stärker. Das erklärt warum Suez et al. in ihrer großen 2022 in Cell publizierten Studie „personalisierte" Mikrobiomreaktionen auf Süßstoffe fanden. Dieselbe Substanz, völlig verschiedene Reaktionen je nach Person.

Gewohnheit und Adaptierung. Wer täglich Sucralose konsumiert, hat ein adaptiertes System. Das Gehirn lernt über Zeit, dass auf dieses Süßsignal keine Kalorien folgen. Die zephale Insulinreaktion wird gedämpft. Das klingt nach einem Vorteil, ist aber ein zweischneidiges Schwert: Die Sättigungssignalisierung wird gleichzeitig abgestumpft. Das Verlangen nach intensiver Süße steigt.

Kombination mit Kohlenhydraten. Wenn Sucralose allein von einem Menschen konsumiert wird, der sonst wenig Kohlenhydrate isst, ohne Mahlzeit, dann gibt es nach kurzer Expositionszeit wenig messbaren Effekt. Sucralose wirkt sich aber wahrscheinlich stärker negativ aus, wenn es von einem Übergwichtigen Menschen täglich über Monate mit kohlenhydratreichen Mahlzeiten kombiniert wird.

Deshalb ist die Aussage „Sucralose ist sicher" genauso wenig aussagekräftig wie „Alkohol ist harmlos". Es hängt von wer, wieviel, wie oft, und womit kombiniert ab.

Was das für Menschen bedeutet die abnehmen wollen

Das ist der Punkt wo die theoretischen Mechanismen praktisch werden und wo das Versprechen der Industrie besonders deutlich scheitert.

Jemand der Gewicht verlieren möchte, tauscht Zucker gegen Sucralose aus. Er spart rechnerisch Kalorien. Kurzfristig, in kontrollierten Laborbedingungen, ist das messbar: eine 2023 publizierte Metaanalyse von 129 randomisierten Studien zeigte eine durchschnittliche Kalorienreduktion von 94 kcal pro Mahlzeit bei Süßstoffkonsum verglichen mit Zucker. [10]

Aber in der Realität, in Beobachtungsstudien über echte Bevölkerungen über echte Zeiträume, zeigen Süßstoffkonsumenten keine besseren Gewichtsergebnisse als Nichtkonsumenten. In manchen Studien ist das Gegenteil der Fall. Weil der Körper zurückfordert was er erwartet hat. Die zephale Insulinreaktion hat Insulin ausgeschüttet, der Blutzucker fiel leicht ab, das Hungerzentrum im Hypothalamus wurde aktiviert, das Mikrobiom verschlechtert die Sättigungssignalisierung. Zwei Stunden nach der Diät-Cola isst dieselbe Person mehr als sie ohne Diät-Cola gegessen hätte, ohne es zu merken. Die 94 gesparten Kalorien kommen als 150 wieder rein. Jemand mit starker Willenskraft kann diesen biologischen Druck übersteuern. Aber das bedeutet: Er muss mehr Disziplin aufwenden als jemand der gar keine Süßstoffe konsumiert um dasselbe Ergebnis zu erreichen.

Die WHO hat das 2023 in ihrer Leitlinie klar formuliert: Süßstoffe helfen langfristig nicht bei der Gewichtskontrolle. Bei langfristigem Konsum zeigt sich eine Assoziation mit erhöhtem Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Gesamtsterblichkeit. [11] Das ist eine stille Kehrtwende. Jahrzehntelang haben dieselben Institutionen Süßstoffe als sichere Alternative zu Zucker empfohlen. Jetzt sagen sie: Es hilft nicht. Und es könnte schaden. Ohne öffentliche Aufarbeitung und ohne Anerkennung, dass Millionen Menschen falsch beraten wurden.

Warum Süßstoffe so hartnäckig als sicher gelten

Die Datenlage zu Süßstoffen ist nicht so eindeutig negativ, dass eine sofortige Warnung gerechtfertigt wäre. Aber sie ist auch nicht so eindeutig positiv, wie es die Industrie jahrzehntelang behauptet hat. Wie kommt es dann, dass Süßstoffe als so unbedenklich gelten?

Die Zulassungsstudien kamen vom Hersteller. Das gesamte Sicherheitspaket das der FDA für die Sucralose-Zulassung 1998 eingereicht wurde, bestand aus Studien die McNeil Nutritionals (der Hersteller von Splenda) selbst finanziert und in Auftrag gegeben hatte. [8] Ein komplettes Journal-Supplement in Food and Chemical Toxicology aus dem Jahr 2000 war ausschließlich Sucralose-Sicherheitsstudien gewidmet. Alle Artikel teilweise oder vollständig von McNeil-Mitarbeitern verfasst. Das ist nicht zwingend Manipulation. Aber es ist ein strukturelles Interessenproblem: Die einzige Partei die ausreichend finanzielle Ressourcen hat um 100 Studien zu finanzieren, ist dieselbe Partei die ein wirtschaftliches Interesse am Ergebnis hat.

Kritische Forschung kam Jahrzehnte zu spät. Die Yale-Studie über Sucralose und Insulinsensitivität erschien 2020, also 22 Jahre nach der Zulassung. Die Schiffman-Studie über Sucralose-6-Acetat erschien 2023, also 25 Jahre nach der Zulassung. Das Mikrobiomsystem war 1998 noch nicht entschlüsselt. Die hypothalamische Bildgebung war noch nicht verfügbar. Regulatorische Zulassungen basieren notwendigerweise auf dem Wissensstand zum Zeitpunkt der Zulassung, aber das bedeutet nicht, dass sie für alle Zeit gültig sind.

Die Lobby ist direkt in die Politik eingebettet. Der deutsche Süßstoff-Verband e.V. (die Organisation die Verbraucher „faktenbasiert über Süßstoffe informiert") besteht zu einem Drittel aus Coca-Cola-Tochtergesellschaften. Coca-Cola sitzt im Vorstand. Nutrinova, der industrielle Hersteller von Acesulfam-K, ist direktes Mitglied. Der Verband pflegt nach eigenem Angaben regelmäßigen Kontakt zu Bundestagsabgeordneten und Ministeriumsvertretern. [12]

Die Kritiker haben selbst Interessenkonflikte. Das gilt in beide Richtungen. Als die NutriRECS-Gruppe 2019 in den Annals of Internal Medicine publizierte, dass die Evidenz für negative Effekte von rotem Fleisch schwach ist, reagierte Walter Willett von der Harvard School of Public Health, einer der einflussreichsten Ernährungsepidemiologen der Welt, mit ungewöhnlich scharfer Kritik. Ein JAMA-Artikel stellte danach fest, dass viele der Kritiker selbst nicht offengelegte Interessenkonflikte hatten. [13] Wissenschaftliche Debatten über Ernährung sind selten frei von externen Interessen, auf keiner Seite.

Was mit Schwangeren und Kindern passiert

Für die allgemeine Bevölkerung sind viele der beschriebenen Mechanismen dosisabhängig und kontextabhängig. Für Schwangere und Kinder gilt ein anderer Maßstab, weil die betroffenen biologischen Systeme sich in kritischen Entwicklungsfenstern befinden.

Sucralose passiert die Plazenta. [14] Sie wurde in Muttermilch nachgewiesen, in Konzentrationen über dem Schwellenwert, ab dem ein Säugling sie schmeckt. Das bedeutet: Ein gestilltes Kind nimmt Sucralose auf, ohne dass die Mutter es merkt. In einer 2015 publizierten Studie wurde Sucralose in der Muttermilch von 65% der getesteten stillenden Frauen nachgewiesen, darunter auch Frauen die angaben, keine Süßstoffe zu konsumieren. Der Süßstoff war in Lebensmitteln versteckt, die die Frauen konsumiert hatten. [15] Eine 2021 publizierte Studie zeigte, dass mütterlicher Sucralose-Konsum während Schwangerschaft und Stillzeit Paneth-Zellen schädigt, spezialisierte Immunzellen im Darm des Nachwuchses, die antimikrobielle Peptide produzieren und die erste Verteidigungslinie gegen pathogene Bakterien sind. Diese Schäden waren noch im Erwachsenenalter der Nachkommen nachweisbar, auch wenn diese danach komplett sucralosefrei ernährt wurden. [16]

Kinder haben aus pharmakologischen Gründen doppelt so hohe Sucralose-Blutspiegel wie Erwachsene bei gleicher Dosis, weil ihre Nieren langsamer filtern. [17] Und sie befinden sich gleichzeitig in der Phase der stärksten Gehirnentwicklung, in der das Geschmackssystem lernt was „normale Süße" ist. Ein Kind, dessen Süßrezeptoren von Geburt an mit 600-fach intensiverer Süße als in der Natur stimuliert werden, lernt andere Schwellenwerte als vorgesehen.

Eine Langzeit-Kohortenstudie mit 1.683 Kindern, publiziert 2021 im International Journal of Obesity, verfolgte Kinder von Geburt bis zum Alter von 18 Jahren. Mütterlicher Süßstoffkonsum während der Schwangerschaft war mit höherem BMI und höherem Körperfettanteil bei den Kindern assoziiert und dieser Effekt wurde mit zunehmendem Alter stärker, nicht schwächer. [18]

Die Alternative

Das ist kein Aufruf für Zucker. Haushaltszucker hat gut dokumentierte negative Effekte bei übermäßigem Konsum: Fruktose belastet die Leber durch denselben Mechanismus wie Alkohol. Fruchtzucker aus Industriesirup und Softdrinks ist kein Naturprodukt sondern hochraffnierte Chemie.

Aber die Gegenüberstellung „entweder Zucker oder Süßstoffe" ist eine falsche Wahl, die von der Lebensmittelindustrie aktiv gepflegt wird weil sie von einer dritten Option ablenkt: das Geschmackssystem insgesamt an weniger Süße zu gewöhnen. Ganze Früchte sind das einzige Süßungsmittel für das der Körper evolutionär vollständig ausgerüstet ist. Ihr Zucker ist in Ballaststoffe und Pektine eingeschlossen. Polyphenole bremsen aktiv die Glukoseabsorption im Darm. GLP-1 und Sättigungshormone werden stimuliert. Kein Spike und kein Mismatch zwischen Signal und Lieferung und damit kein Eingriff in das Mikrobiom. Ganze Früchte haben in allen großen Langzeitstudien, unabhängig von Zuckergehalt, gesundheitliche Vorteile gezeigt. Datteln haben trotz 70% Zuckergehalt einen glykämischen Index von 42 bis 55, niedriger als Vollkornbrot. [19] Roher unerhitzter Honig enthält über 180 biologisch aktive Verbindungen und zeigt in Studien einen niedrigeren postprandialen Glukoseanstieg als Haushaltszucker. [20]

Die Antwort auf die Süßstofffrage ist also nicht ein anderer Süßstoff. Sie ist die schrittweise Rekalibrierung des Geschmackssystems auf Intensitäten, für die der Körper gebaut wurde.

Das Fazit

Kalorienfrei ist nicht dasselbe wie wirkungslos. Zugelassen ist nicht dasselbe wie verstanden. Und von einer Behörde als sicher eingestuft ist nicht dasselbe wie sicher, wenn die Zulassung auf Industriestudien basiert, die grundlegenden Mechanismen zum Zeitpunkt der Zulassung noch unbekannt waren, und die unabhängige Forschung erst Jahrzehnte später begann.

Das bedeutet nicht, dass ein gelegentliches Produkt mit Sucralose Schaden anrichtet. Es bedeutet: Der Kontext entscheidet. Wer Sucralose täglich trinkt, wer schwanger ist oder stillt, wer Kinder hat die täglich Light-Joghurt oder Diätgetränke konsumieren, wer abnehmen möchte und sich fragt warum es nicht klappt trotz „kalorienfrei" – der sollte diese Mechanismen kennen.

Die Wissenschaft ist nicht eindeutig genug für Panik. Aber sie ist eindeutig genug um das Versprechen der Industrie, “süß ohne jede Konsequenz”, als das zu bezeichnen was es ist: eine Vereinfachung, die mit der Biologie des menschlichen Körpers nicht vereinbar ist.

Quellen

[1] Engler-Chiurazzi EB et al. (2021): Sweet Taste Receptor Expression in the Brain, Adipose Tissue, and Reproductive Organs. Frontiers in Aging Neuroscience. DOI: 10.3389/fnagi.2021.729900.

[2] Masson et al. (2025): Sweet Taste Adaptation to Sugars, Sucralose, and Their Blends. Nutrients, 17(19):3075. PMC12526075.

[3] Dhillon J et al. (2017): The cephalic phase insulin response to nutritive and low-calorie sweeteners in solid and beverage form. Physiology & Behavior, 181:100–109. DOI: 10.1016/j.physbeh.2017.09.009. PMC5634742.

[4] Dalenberg JR et al. (2020): Short-Term Consumption of Sucralose with, but Not without, Carbohydrate Impairs Neural and Metabolic Sensitivity to Sugar in Humans. Cell Metabolism, 31(3):493–502. DOI: 10.1016/j.cmet.2020.01.014.

[5] Dai X et al. (2020): Maternal sucralose intake alters gut microbiota of offspring and exacerbates hepatic steatosis in adulthood. Gut Microbes. DOI: 10.1080/19490976.2020.1738187.

[6] Chakravartti SP et al. (2025): Non-caloric sweetener effects on brain appetite regulation in individuals across varying body weights. Nature Metabolism, 7(3):574–585. DOI: 10.1038/s42255-025-01227-8.

[7] Roberts A et al. (2000): Sucralose metabolism and pharmacokinetics in man. Food and Chemical Toxicology. DOI: 10.1016/S0278-6915(00)00026-0.

[8] Schiffman SS, Nagle HT (2023): Toxicological and pharmacokinetic properties of sucralose-6-acetate and its parent sucralose. Journal of Toxicology and Environmental Health, Part B. DOI: 10.1080/10937404.2023.2213903.

[9] Rahn A, Yaylayan VA (2010): Thermal degradation of sucralose and its potential in generating chloropropanols. Food Chemistry. DOI: 10.1016/j.foodchem.2010.04.022.

[10] Laviada-Molina H et al. (2020): Effects of nonnutritive sweeteners on body weight and BMI in diverse clinical contexts. Obesity Reviews. DOI: 10.1111/obr.13020.

[11] WHO (2023): Use of non-sugar sweeteners: WHO guideline. Geneva: World Health Organization. ISBN 978-92-4-007361-5.

[12] Süßstoff-Verband e.V.: Lobbyregister-Eintrag, Deutscher Bundestag. Registerkennnummer: R003556.

[13] O'Connor A (2019): Scientist Who Discredited Meat Guidelines Didn't Report Industry Ties. New York Times, 4. Oktober 2019.

[14] Leth-Møller M et al. (2023): Transplacental transport of artificial sweeteners. Proceedings of the Nutrition Society. DOI: 10.1017/S0029665124000417.

[15] Sylvetsky AC et al. (2015): Sucralose is Present in Human Breast Milk. Maternal & Child Nutrition. DOI: 10.1111/mcn.12227.

[16] Dai X, Wang C, Guo Z et al. (2021): Maternal sucralose exposure induces Paneth cell defects and exacerbates gut dysbiosis of progeny mice. Food & Function. DOI: 10.1039/d1fo02921e.

[17] Bornemann V et al. (2018): Intestinal Metabolism and Bioaccumulation of Sucralose in Adipose Tissue in the Rat. Journal of Toxicology and Environmental Health. DOI: 10.1080/15287394.2018.1502560.

[18] Plows JF et al. (2021): Associations of maternal non-nutritive sweetener intake during pregnancy with offspring body mass index and body fat from birth to adolescence. International Journal of Obesity. DOI: 10.1038/s41366-021-00897-0.

[19] Alkaabi JM et al. (2011): Glycemic indices of five varieties of dates in healthy and diabetic subjects. Nutrition Journal. PMC3112406.

[20] Al-Waili NS (2004): Natural honey lowers plasma glucose, C-reactive protein, homocysteine, and blood lipids. Journal of Medicinal Food. DOI: 10.1089/109662004323228481.

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